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Wie sich Mikroorganismen auf unser Befinden auswirken


„Wer bin ich – und wenn ja wie viele?“ lautet der Titel des Buchbestseller von Richard David Precht. Die Antwort von Wissenschaftlern könnte den Autor überraschen: Wir sind sehr, sehr viele – jedoch Mikroben. „Wir glauben wir seien ein Mensch, dabei sind wir lediglich eine Ansammlung von Mikroben, die sich in einer menschlichen Hülle befinden“, so die Journalistin Katrina Ray in einem Beitrag der New York Times. Diese Ansicht lässt sich gut durch Zahlen belegen.

Schaubild des Magen Darm Traktes

Der menschliche Körper enthält circa zehnmal so viele Mikroorganismen wie menschliche Zellen. Wissenschaftler, die am „Human Microbiom Project“ (1) arbeiten, gehen davon aus, dass es sich dabei um mehr als 10.000 verschiedene Mikoorganismen handelt, die im und am Menschen leben. Diese gewaltige Ansammlung konkurrierender und kooperierender Mikroben wird in ihrer Gesamtheit als Mikrobiom bezeichnet.

Die Forscher haben berechnet, dass alle Mikroorganismen gemeinsam etwa acht Millionen Gene besitzen, die in ein Protein übersetzt werden können. Der Mensch „an sich“ verfügt nur über rund 22.000 solcher Protein-codierenden Gene.

Welche Aufgabe die jeweiligen Proteine besitzen und welchen Beitrag sie für die Gesundheit des Menschen leisten, ist Gegenstand aktueller Forschung. Zumindest in einigen Bereichen ist er aber erheblich, etwa im Darm.

Die geheime Macht der Darmbakterien

Dass die Psyche den Bauch beeinflusst, dass Stress zu Bauchschmerzen führen kann, ist bekannt. Es geht aber auch andersherum. Der Bauch kann auch Auslöser von Stimmungen, Ängsten und Depressionen sein. Diese überraschende Tatsache konnte in Experimenten gezeigt werden. So sendet einerseits das Gehirn Signale an den Darm – auf der anderen Seite wirkt der Verdauungstrakt über Nerven, Hormone und das Darmimmunsystem auf das Gehirn und beeinflusst so unsere Emotionen. Die so genannte Darm-Gehirn-Achse funktioniert also in beide Richtungen. Damit kommt der Darmflora eine wichtige Rolle zu.

In Tierstudien konnten irische Wissenschaftler zeigen, dass eine gesunde Darmflora zu einer höheren Stressresistenz führt (2,3). So reagierten Labormäuse die keinerlei Bakterien im Darm hatten (keimfreie Mäuse) viel empfindlicher auf Angstzustände als Mäuse mit einer gesunden Darmflora. Die überschießende Stressreaktion ließ sich im Versuch mit der Gabe von Bifidobacterium infantis, dem vorherrschenden Mikrorganismus im Darm von Jungmäusen, rückgängig machen.

In einer weiteren Untersuchung zeigten die Forscher, dass dieser Keim auch die Stresssymptome bei Ratten lindert. Um depressionsartige Beschwerden hervorzurufen, wurden Jungtiere von ihren Müttern früh getrennt. Einem Schwimmtest unterzogen, schwammen die Tiere, die mit Bifidobacterium infantis gefüttert wurden, länger und wiesen eine höhere Konzentration des Neurotransmitters Noradrenalin auf. Sie galten damit als weniger depressiv als Ratten, die den Keim nicht erhalten hatten.

Auch beim Menschen wurden erste klinische Versuche mit lebenden Mikroorganismen (Probiotika) durchgeführt: Eine Gruppe gesunder Personen, die 30 Tage lang eine probiotische Kombination aus Lactobacillus helveticus und Bifidobacterium longum erhalten hatte, gab ein größeres Wohlbefinden und weniger Angstgefühle an als die entsprechende Vergleichsgruppe (4).

Ähnliche Ergebnisse erzielte eine Studie mit Patienten, die am Chronischen Erschöpfungssyndrom litten, einer Krankheit, bei der oft Angstgefühle und Depressionen entstehen (5). Auch bei Patienten, die an einem Reizdarmsyndrom leiden, das in 40 Prozent der Fälle mit Depressionen und Angst einhergeht, wirken manche Probiotika, so die Erkenntnis von Forschern (6).

Fazit

Immer mehr Einsichten werden gewonnen, die den Einfluss der Mikroflora auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden aufzeigen. Spannende Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass und wie die Darmflora mit unserem Gehirn kommuniziert und damit auch unser Verhalten beeinflusst. Mit ausreichend nützlichen Darmbakterien im Körper ist man besser gegen seelische Belastungen und Überforderung gewappnet und leidet deutlich weniger unter den typischen Stressfolgen.

 

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Der Verdauungstrakt wirkt über Nerven, Hormone und das Darmimmunsystem auf das Gehirn und beeinflusst so Gefühle und Stressempfinden.

Foto: ag visuell – Fotolia.com

Quellen

1. The Human Microbiome Project
http://www.hmpdacc.org

2. Timothy G. Dinan, John F. Cryan. Regulation of the stress response by the gut microbiota: Implications for psychoneuroendocrinology. Psychoneuroendocrinology 2012; 37: 1369–1378
http://www.psyneuen-journal.com/article/S0306-4530(12)00093-5/abstract

3. John F. Cryan & Timothy G. Dinan. Mind-altering microorganisms: the impact of the gut microbiota on brain and behaviour. Nature Reviews Neuroscience 13, 701-712 (October 2012) | doi:10.1038/nrn3346

4. Messaoudi M1, Lalonde R, Violle N, Javelot H, Desor D, Nejdi A, Bisson JF, Rougeot C, Pichelin M, Cazaubiel M, Cazaubiel JM. Assessment of psychotropic-like properties of a probiotic formulation (Lactobacillus helveticus R0052 and Bifidobacterium longum R0175) in rats and human subjects. Br J Nutr. 2011 Mar;105(5):755-64. doi: 10.1017/S0007114510004319. Epub 2010 Oct 26.

5. Rao AV, Bested AC, Beaulne TM, Katzman MA, Iorio C, Berardi JM, Logan AC. A randomized, double-blind, placebo-controlled pilot study of a probiotic in emotional symptoms of chronic fatigue syndrome. Gut Pathog. 2009 Mar 19;1(1):6. doi: 10.1186/1757-4749-1-6.

6. S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom: Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/021-016l_S3_Reizdarmsyndrom_2011.pdf